Gustav Klimt

Japanische Kunst in den Gemälden von Gustav Klimt

Gustav Klimt und der Einfluss der japanischen Ästhetik

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wandten sich europäische Künstler zunehmend der japanischen Kunst zu. Gustav Klimt ragt dabei durch seine intensive Auseinandersetzung mit dekorativen Prinzipien heraus, die stark mit der japanischen Bildkultur verbunden sind. Anstatt Motive zu kopieren, verinnerlichte Klimt zentrale ästhetische Ideen wie Flächigkeit, Ornamentik, Rhythmus und die symbolische Verwendung von Naturmotiven.

Japanische Ukiyo-e-Holzschnitte, Stellschirme ( Byōbu ) und Textilmuster boten eine Alternative zur westlichen illusionistischen Tiefenwirkung. Klimts Werk spiegelt diese Hinwendung zu Oberfläche, Muster und kontemplativer Komposition wider.

Der Baum des Lebens und die Sprache des Ornaments

Der Lebensbaum (1905–1909), entstanden als Teil des Stocletfrieses in Brüssel, zählt zu Klimts bekanntesten Werken. Seine geschwungenen, fließenden Linien erinnern an die rhythmischen Formen japanischer Kalligrafie und naturnaher Ornamente. Die Komposition entfaltet sich horizontal, ähnlich einem japanischen Paravent, und lädt zum langsamen, meditativen Betrachten ein.

Blattgold dominiert die Oberfläche, nivelliert den Raum und verwandelt das Bild in ein symbolisches Feld anstatt in eine narrative Szene. Dieser Ansatz spiegelt die japanische Ästhetik wider, in der visuelle Harmonie und Ausgewogenheit Vorrang vor Realismus haben.

Natur, Symbolik und Vergänglichkeit

In der japanischen Kunst wird die Natur nicht nur dargestellt, sondern auch betrachtet. Klimts Lebensbaum verkörpert diese Philosophie, indem er die Natur als universelles Symbol für Kontinuität, Transformation und Vergänglichkeit präsentiert. Die spiralförmigen Äste deuten auf Bewegung, Wachstum und den Lauf der Zeit hin – Konzepte, die eng mit dem „Mono no Aware“ , dem japanischen Bewusstsein für die Vergänglichkeit des Lebens, verbunden sind.

Das Fehlen einer traditionellen Perspektive ermöglicht es dem Betrachter, sich mit dem Kunstwerk als zeitloser Oberfläche auseinanderzusetzen und so die kontemplative Qualität japanischer Schriftrollen und Stellschirme widerzuspiegeln.

Dekorative Kunst als Architektur

Wie die japanische Interieurkunst wurde auch Klimts Stocletfries als integraler Bestandteil der Architektur und nicht als isoliertes Gemälde konzipiert. Diese Einheit von Kunst, Raum und Atmosphäre spiegelt japanische Gestaltungstraditionen wider, in denen Malerei, Architektur und Umwelt in Harmonie existieren.

Klimts Synthese aus Ornament, Symbolik und Struktur positioniert sein Werk als europäische Neuinterpretation des japanischen künstlerischen Denkens – ein Dialog, der auch heute noch zeitgenössische Künstler inspiriert.

Illustration: Gustav Klimt — Lebensbaum (Detail), Stocletfries, 1905–1909

Detail aus Gustav Klimts Lebensbaum im Stocletfries, das ornamentale Muster, Goldflächen und von der japanischen Kunst inspirierte Kompositionsprinzipien hervorhebt.