Édouard Vuillard: Innenräume als japanische Bildschirme
Der Einfluss von Ukiyo-e auf die Komposition
Édouard Vuillard (1868–1940), ein Schlüsselmitglied der Nabis-Gruppe, verwandelte alltägliche Interieurs in reich gemusterte, intime Welten. Stark von der japanischen Kunst beeinflusst, betrachtete Vuillard den Raum nicht als Tiefenperspektive, sondern als dekorative Fläche, ähnlich den traditionellen japanischen Stellwänden (Byōbu).
Anstatt Vorder- und Hintergrund zu trennen, verschmolz Vuillard Figuren, Möbel und Wände zu einem einzigen visuellen Rhythmus. Florale Tapeten, Textilien und wiederkehrende Motive lassen den Raum flacher erscheinen und lösen Grenzen auf – ein zentrales Prinzip japanischer Ukiyo-e-Holzschnitte und Stellschirmmalerei.
In japanischen Paravents werden Interieurs oft nur angedeutet, nicht detailliert beschrieben. Vuillard greift diese Idee auf, indem er Muster die Erzählung dominieren lässt. Die menschliche Präsenz tritt in den Hintergrund, fast nebensächlich, eingebettet in die ornamentale Umgebung. Das Ergebnis ist eine ruhige, kontemplative Atmosphäre, in der das Muster die Perspektive ersetzt.
Vuillards Interieurs funktionieren wie visuelle Trennwände – nicht wie Fenster in eine andere Welt, sondern wie Oberflächen, die man langsam, Tafel für Tafel, erfassen muss. Dieser Ansatz nahm die moderne Abstraktion vorweg und beeinflusste spätere Entwicklungen in der dekorativen und abstrakten Kunst maßgeblich.
Mit dem Japonismus definierte Vuillard den westlichen Innenraum neu als einen poetischen, flächigen Raum – eher vergleichbar mit einem japanischen Paravent als mit einem traditionellen europäischen Zimmer.
Die japanische Kunst prägte Édouard Vuillards Bildsprache maßgeblich. Wie viele Künstler der Nabis-Bewegung ließ sich Vuillard von der Ästhetik japanischer Stellschirme und Ukiyo-e-Holzschnitte inspirieren und verwandelte europäische Interieurs in dekorative, flächige Räume. Sein Gemälde „Das geblümte Kleid“ von 1891 verdeutlicht, wie Muster die Tiefe ersetzen und so die Kompositionslogik japanischer Stellschirme widerspiegeln.
Illustration: Édouard Vuillard, Das geblümte Kleid, 1891, japanisch anmutendes Interieur im Paravent-Stil, dekorative, flächige Komposition, Einfluss des Japonismus
